Leipziger Buchmesse 2026: Zwischen Dinosauriern und Debütautorinnen

Signierte Bücher, Verlagsprogramme, Lesezeichen, Buchentdeckungen, Gespräche mit Autor*innen und Verlagsleitungen – einundhalb Tage Leipziger Buchmesse haben sich angefühlt wie fünf.

Bevor ich euch erzähle, wie sich mein Eindruck von der Buchbranche verändert hat, muss ich erstmal sagen: Respekt an die Menschen mit Tierköpfen, Plüschkrokodilen im Geschirr, Dinosaurierschwänzen (auf die ich zwei mal fast getreten wäre) und Flügeln (denen ich einmal gerade noch ausgewichen bin). Denn neben der Buchmesse gab es auch einundhalb Messehallen Comicon. Ein überforderndes Fest für die Augen – am meisten vielleicht für die Cosplayer selbst, mit ihren gruseligen Kontaktlinsen. Highlights: Eine Frau mit Analogfernseher statt Kopf, eine Frau, die von hinten genau wie „Penelope“ aus der Serie Bridgerton aussieht und ein Mann, der den ganzen Tag einen riesigen Sarg aus Pappe auf dem Rücken herumgetragen hat, am Abend dann draußen in der Dämmerung, mit regentropfenden Haaren im Gesicht.

Veranstaltungs-Vielfalt

Zwischen dem ganzen Gewusel in sechs riesigen Hallen der Leipziger Buchmesse entdecken, was mich interessiert: nicht so einfach. Planung hilft ein bisschen. Also hab ich mir vorher aus den hunderten Veranstaltungen etwa dreißig ausgesucht. Von denen habe ich dann etwa fünf besucht. Das war total ausreichend. Mein Ziel war vor allem, einen Überblick über die Verlagslandschaft zu gewinnen. Schließlich soll mein Buch einen schönen Verlag finden.

Verlags-Vielfalt

Und hallelujah, es ist eine Vielfalt! Wir waren überrascht, wie viele kleine unabhängige Verlage es gibt. Unabhängige oder auch Indie-Verlage sind meist sehr kleine Verlage, die nicht einem publizistischen Konzern angehören, und deshalb oft nischigere Programme und nicht das Hauptaugenmerk auf Umsatzzahlen haben.

Mit anderen Worten: Sie machen ihr Ding –  solange sie damit Umsatz erzielen. Ich habe mit ein paar Verlagsleitungen gesprochen und war total angetan von ihrer Leidenschaft. Eine meiner fünf Veranstaltungen war die Lesung von Debütautorinnen, darunter Nicola Quaß mit dem Buch „Hungergesang“. Neben dem spannenden Setting der Geschichte – Drillingsschwestern allein in einem mystischen alten Haus – hat mich das Buchcover fasziniert. Ein abfotographiertes Ölgemälde. Als ich die Autorin darauf anspreche, verweist sie auf die Verlagsleitung, eine sehr sympathische Frau, die genau die Stärke ausstrahlt, die es vermutlich braucht, um sich mit einem kleinen Verlag in einer von Medienriesen dominierten Branche durchzusetzen. Sie achten in ihrem Verlag darauf, dass den Autor*innen das Cover gefällt, erzählte sie mir. Ist doch selbstverständlich? Nein, leider nicht.

Kunstvoll

Denn das Cover bestimmt in der Regel der Verlag. Bei den großen Verlagen hat die Marketingabteilung das letzte Wort. Bei den unabhängigen Verlagen bestimmt auch nicht der*die Autor*in, denn es muss ins Programm passen, weder zu Mainstream noch zu nischig sein, um sich zu verkaufen – wenn ich die Worte der Verlagsleitung richtig in Erinnerung habe. Aber, und das finde ich wichtig: Der*die Autorin darf Wünsche äußern.

Wenn ich mir vorstelle, ein Objekt zu verkaufen, das eine Geschichte enthält, in der so viel meiner Zeit, Energie und Seele steckt und das ich dieses Objekt hässlich finde – nein, das ist eine schreckliche Vorstellung. Ich liebe Fotografieren und Malen, ich bin ein visueller Typ, das gehört zu mir. Wenn ich mein Buch als meine Kunst sehe, gehört das Visuelle dazu.

Und vielleicht ist es genau das, was mich an dem kleinen Stand des Verlags später so fasziniert hat. Jedes der Titel war genau das: Kunst. Statt dem Wiedererkennungswert – für die Vermarktung – steckte Leidenschaft darin. Als ich das Thema meines Romans erwähnte, zeigte mir die Verlagsleitung ein Buch mit ähnlichem Thema – und mit Foto-Cover. „Es war der Autorin wichtig, das ein Foto von ihr auf dem Cover ist.“ Ich kaufe es, entdecke noch einen anderen super spannenden Titel. Und ein Mann, der sich bei Nachfrage als Lektor vorstellt, empfiehlt mir einen vierten mit den Worten „Wenn dir diese Titel gefallen, dann gefällt dir bestimmt auch das.“ Er hat es selbst lektoriert.

Etwas Berührungsangst nimmt mir die Verlagsleitung dann auch noch: Die Vorgaben zur Manuskripteinreichung stünden auf der Website des Verlags, und das Manuskript muss noch nicht perfekt sein – nur fertig. Allerdings haben sie innerhalb von ein paar Monaten 200-300 Bewerbungen, fügt sie hinzu. Nur nicht entmutigen lassen, denke ich.

Signierstunde

Der Kontrast zu diesen kleinen individuellen Ständen: Messestände, die wie Buchhandlungen wirken, und das auch sind. Mitarbeiter*innen kümmern sich um den Verkauf und die langen Signierschlangen. Beim Verlag S. Fischer sehe ich „Als Großmutter im Regen tanzte“ von der norwegischen Autorin Trude Teige. Ein Generationenroman, den ich bei meinen Recherchen zum Genre entdeckt habe. Und wie es der Zufall will, wird die Autorin 10 Minuten später Signierstunde haben. Ich stelle mich in der bereits langen Schlange an, aber die Wartezeit lohnt sich. Denn Trude Teige nimmt sich Zeit, erzählt mir, dass sie für dieses Buch viel recherchiert hat. Nicht nur im Internet, denn vor 15 Jahren war vieles noch nicht online zu finden.

Fernsehbühne

Nicht ganz hautnah, aber hinter einer riesigen Fernsehkamera habe ich zwei weitere Autor*innen gesehen: Yade Yasemin Önder mit „Anti Müller“, einem Roman über die von patriarchalen Strukturen geprägte (Dating- und Beziehungs-)Welt von Frauen in den Dreißigern, und Lukas Rietzschel mit „Sanditz“, einem Roman, in dem sich Menschen mit sehr verschiedenen Lebensgeschichten und politischen Perspektiven in einer fiktiven ostdeutschen Kleinstadt tummeln. Beide Autor*innen waren mir sehr sympathisch. Ich habe gespürt, dass sie sich scheuten zu spoilern und zu viel zu erklären. Schließlich steht auch in der Literatur die Kunst (des Wortes) für sich. Ich finde, man muss nicht jede Figur oder Szene erklären. Sonst könnte es ja gleich ein Sachbuch sein. In den Antworten war die Beobachtungsgabe und Tiefgründigkeit der Autor*innen fühlbar, und das hat mir Lust auf die Lektüre gemacht.

Alles in allem habe ich mindestens eine Woche gebraucht, um die Eindrücke zu verarbeiten. Aber hat sich gelohnt: Die bisher nebeligen Verlagsstrukturen haben Gestalt angenommen. Das hilft, wenn ich die Veröffentlichung angehe. Statt am Rand fühle ich mich mehr mittendrin in der Bücherwelt.

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