Kategorie: Schreiballtag

  • Fragen und Antworten auf meinem Weg zum ersten Roman  

    Fragen und Antworten auf meinem Weg zum ersten Roman  

    “Ach, du schreibst einen Roman?” 

    Große Augen, ein fast ehrfürchtiger Ton. Die Reaktion, die in mir eine Mischung aus Stolz und Furcht hervorruft. Stolz, denn: Ja, ich wage meinen Traum. Furcht, denn: Es ist ein Abenteuer mit Höhen und Tiefen. Und ich posaune das hier raus. 

    Ja, ich schreibe einen Roman. Meinen ersten Roman. 

    Nein, ich setze mich nicht jeden Tag hin und tippe drauf los.  

    (Darauf arbeite ich hin.) 

    Die ganz spontane Antwort: 

    Ich zwacke dem Alltag Ruheblasen ab, in denen ich mich hinsetze und mich in fremde Herzen, Hirne, Welten stürze, zusammengesetzt aus tausend winzigen Fragmenten dessen, was ich jemals gesehen, gehört, gelesen, gefühlt habe. Alle meine Figuren sind mir ganz vertraut, weil sie in mir entstanden sind, und doch ganz neu, weil sie mich ziemlich überraschen können.  

    What?!

    Ich fühle in ihre (zwischen-)menschlichen inneren Abgründe und Höhenflüge, welche die Figuren zu Aktionen bewegen – die auf Papier in einem logischen, für die Allgemeinheit nachvollziehbaren zeitlichem Ablauf stattfinden sollen, den ich zusammenpuzzle und knoble, bis ich zufrieden bin. Und dann mit Leben fülle. 

    Ähm…?

    😀  

    So, oder so ähnlich. Aber eins nach dem anderen. Hier die Top-Auswahl der Fragen, die ich bekomme:

    1. Wie bist du auf die Idee gekommen, deinen ersten Roman zu schreiben? Machst du das einfach so?

    Allem voraus: Ich hatte am Anfang keinen blassen Schimmer, wie das geht. Ich habe während der Schul- und Studienzeit und in meiner Angestelltenarbeit schon viele Zeitungsartikel geschrieben, und Webseitentexte, und Pressemitteilungen. Informationen kompakt und verständlich vermitteln, das ist das eine. Aber mit Worten Kunst zu schaffen, Welten zu bauen, Zwischenmenschlichkeit, Atmosphäre – das ist was anderes.  

    Ich lerne. Und eine wichtige Erkenntnis ist: Was ich wirklich brauche, um einen Roman zu schreiben, ist Zeit, Ruhe, emotionale Unterstützung, Struktur, Handwerk und Inspiration.

    • Zeit: Die meiste Zeit fließt – zumindest am Anfang – nicht in das Schreiben. Sondern in das Geschichten ausdenken, plotten, recherchieren, wieder verändern. Ich schreibe am leichtfüßigsten und am besten, wenn ich mindestens knietief in der Geschichte stecke. Und damit ich darin stecke, sollte ich davor in der Geschichte gewühlt haben, stundenlang, am besten tagelang, wochenlang. Wie wühlt man in einer Geschichte?  
    • Ruhe: Lässt sich auch übersetzten in “Niemand, der irgendetwas von mir will.” Also: Am besten weder Anrufe, noch Whatsapp-Nachrichten, noch klingelnde Paketboten. Wenn ich mich einigle, zumindest für ein paar Stunden, dann muss alles andere zweitrangig sein.
    • Emotionale Unterstützung: Es fühlt sich manchmal verdammt angsteinflößend an, diesen Weg zu gehen. Ich verwende viel Zeit auf ein Buch, von dem ich nicht weiß, wie viele Menschen es kaufen und lesen werden. Ob es gut genug ist. Und genau da sind die Momente, in denen Unterstüzung wichtig ist. Wenn Zweifel kommen. Der innere Kritiker sich meldet. Wenn es sich komisch anfühlt, nicht einfach einem Vollzeitjob nachzugehen. Meine Autor*innengruppe hilft mir da, aber auch einfach alle, die es interessiert und die regelmäßig nachfragen.
    • Struktur, Handwerk und Inspiration durch: Bücher, Work Sheets, Deadlines, Podcasts, Blogs, Webseiten. Auch hier hilft meine Autorengruppe, in der wir uns gegenseitig Handwerkliches beibringen, den Plot durchdenken, Deadlines setzen und Tipps geben. Zu Struktur: Ich arbeite mit dem „Save the Cat“- Beatsheet, einer Story-Telling Methode, die ursprünglich aus dem Drehbuchschreiben kommt. Jessica Brody hat darüber das allerallerhilfreichste Buch geschrieben. Es geht grob darum, wann was in einer Geschichte passieren muss, damit es eine spannende Geschichte ist. Und da gibt es einiges zu beachten!
    Auf dem riesigen Bildschirm meiner Coworkerin sieht ein Teil meines Plots so aus. Das ist die Ansicht im Schreibprogramm Scrivener, das ich nutze. Ich habe aber noch andere Übersichten, die aus Tabellen und Whiteboards bestehen.

    2. Wie weit bist du? 

    Irgendwo zwischen “Ich kann das Ende sehen” und “Soll ich nicht lieber noch einmal das erste Kapitel überarbeiten?” 

    Als ich meinen ersten Roman angefangen habe, wusste ich noch nicht, dass ich einer so großen Geschichte begegnen würde. Da war dieser Protagonist und seine Welt, und ich habe gespürt: Das will erzählt werden. Nach und nach habe ich gemerkt: Da wird mehr draus. Also habe ich den Plot mehrfach angepasst, alte Versionen wieder verworfen und immer weiter an der langen Version dieser Geschichte getüftelt. Eine zweite Hauptprotagonistin ist dazu gekommen. Und durch ihr ganz anderes Innenleben eine neue kleine Welt. Weitere Figuren, Jahre und schockierende Details haben sich eingeschlichen – und so wurde die Geschichte groß.

    Je länger ich daran arbeite, desto deutlicher wird: Dieser Suche könnte ich mich endlos hingeben. Aber: Mein erster Roman soll ja mal fertig werden 😊 Also hab angefangen, klare Entscheidungen zu treffen. Ich kenne meine Charaktere jetzt ziemlich genau, ihre Beziehungen und die Schlüsselmomente des Lebensabschnitts, über den ich erzähle. Und die habe ich in eine spannende Reihenfolge gebracht. Trotzdem können sich diese beim Schreiben noch einmal ändern. Und dann mag es sein, dass ich ein vorheriges Kapitel noch einmal verändere. Um mich nicht zu verzetteln, hab ich einen Trick: Ich schreibe mir Stellen auf, die ich noch einmal angehen muss. Dann kann ich sie später ändern und komme trotzdem voran.

    Aber: Das Schreiben der Szenen war und ist nicht die größte Arbeit für mich. Sondern das Tüfteln und das Hinausnavigieren aus Story-Sackgassen. Das Loslassen, was nicht funktioniert, und eine andere Idee entwickeln. Und: Die innere Überwindung, einfach zu machen – das habe ich in diesem Blogbeitrag beschrieben.

    Wie weit bin ich also? In Wörtern: Über 80.000. Das Genre, in dem ich schreibe, verlangt in etwa nach 80.000 bis 100.000 Wörtern. In Akten: Es fehlt noch der dritte Akt. Das sind 20 Prozent. Passt also perfekt! (Sage ich mir jetzt, und dann kommt die Überarbeitung … )

    3. Um was geht es in deinem ersten Roman? 

    Es geht um einen einsamen älteren Herrn und seine Tochter, die sich nach zehn Jahren zum ersten Mal wiedersehen. Sie war von Deutschland in ein kleines zentralamerikanisches Land eingewandert, und sie kommt nicht alleine zurück. Es geht um Versöhnung – mit sich selbst, der Vergangenheit und geliebten Menschen. Mit dabei: Modelleisenbahnen und Salsatanzen. Mehr verrate ich erst, wenn mein erster Roman auf der Startrampe zum Veröffentlichen steht 😊  

    Recherche im Hobbykeller: Um mehr über Modelleisenbahnen zu erfahren, durfte ich mich bei einem „Eisenbahner“ umsehen.

    4. Was ist das für ein Genre? 

    Mein erster Roman liegt im Bereich des Familienromans. „Basis jedes Familienromans sind die Familienbeziehungen und meistens auch Familienkonflikte. Die Hauptfiguren sind in der Regel die Familienmitglieder, die in oft komplexen Konstellationen zueinanderstehen. Diese Beziehungen sind häufig konfliktreich und von einem Zerwürfnis geprägt“, steht auf der Website des Deutschen Taschenbuchverlags.

    Das passt gut. Und es ist der Grund dafür, dass ich so viel „wühle“: Emotionen sind echt komplex.

    Ich beim Wühlen.

    5. Wie findest du die Zeit dafür? 

    Das ist vielleicht das größte Problem und DIE Herausforderung für alle Schreibenden. Ich brauche zum einen Zeit, zum anderen zusammenhängende Zeit. Das heißt: Ein Kapitel plotten oder schreiben, das geht nicht nebenbei.

    Ich brauche auch Zeit, um mich mal verirren, aufzustehen und einen Spaziergang zu machen oder mich bei jemandem zu beschweren.

    Um regelmäßig Zeit dafür zu haben arbeite ich Teilzeit. Trotzdem kommen in der Woche immer wieder andere ToDos dazwischen (das Fahrrad will repariert, der Arzttermin wahrgenommen, der Blogartikel geschrieben werden ;-)). Und es kann sein, dass die Zeitblasen, die ich mit schaffe, dann sehr klein sind. Da schaffe ich dann ein paar hundert Wörter. Deswegen schreibe ich mittlerweile auch an Wochenenden und im Urlaub – so wie diesen Sommer. Ich mache es mir zu einer schönen, gemütlichen Routine. Es ist sehr wichtig, dabei besonders gut auf die Energie und Gesundheit zu achten, um sich nicht auszulaugen.

    6.Weißt du schon, wie das Buch ausgeht? 

    Grob: Ja.

    Aber: Ich habe herausgefunden, dass ich zwar einen Plan brauche, in dem die Geschichte einmal grob durchexerziert ist. Also einen Plot. Aber gleichzeitig ist es bei mir wie mit dem Kochen: Die Zutaten stehen, trotzdem weiß ich noch nicht genau, ob ich nochmal den Kühlschrank öffne und welches Gericht am Ende auf dem Teller landet. Ich versteife mich nicht darauf, dass alles so passieren muss, wie ich mir das in meinem Plot ausgedacht habe. Sonst macht es mir keinen Spaß.

    Es ist mir in den letzten Monaten ein paar Mal passiert, dass beim Schreiben lustige Nebenfiguren aufgetaucht sind, oder eine Figur plötzlich etwas Unerwartetes, aber total Logisches macht. Manchmal erkenne ich nach einer Schreibsession, was diese Szene eigentlich für die Geschichte bedeutet. Und was sie für das Ende bedeuten könnte. Ich weiß also grob, wo meine Figuren hinlaufen. Aber sie überraschen mich. Und deshalb ist es für mich so, als ob ich mich in fremde Welten stürze, die mit aber gleichzeitig vertraut sind – schließlich stammt alles aus mir.

    Damit gehöre ich wohl eher zu entdeckenden und intuitiv Schreibenden. Und das will ich immer mehr willkommen heißen! Der Autor Tom Hillenbrand drückt es so aus: Er produziert ein „Trümmergrundstück“, das er dann „saniert“. (Podcast Schreiben und Schreddern mit Tom Hillenbrand, Minute 14). Das „Sanieren“ passiert in der Überarbeitung. Und damit fange ich an, wenn der „Erste Entwurf“ steht.

    Ich hoffe, dass ich ein paar Fragen beantworten konnte. Die sind übrigens auch eine Art emotionale Unterstützung für mich. Danke! <3

    Puh, ich bin es nicht gewohnt, beim Schreiben fotographiert zu werden 😉